Inzwischen sind unzählige Methoden und Materialien zur Förderung der Lese-, Rechtschreib- und Lesefähigkeit entwickelt worden, um Kinder und Jugendliche mit einer Lernstörung inner- oder außerschulisch zu unterstützen. Diese Vielfalt stellt Eltern und auch Lehrkräfte vor die große Herausforderung, geeignete Förderprogramme und -materialien für den individuellen Fall zu finden. Die sorgfältigen Überlegungen zur Auswahl eines adäquaten Förderprogramms sind mehr als berechtigt, denn auf dem Markt finden sich zum Teil vielversprechende, mitunter auch digitale Angebote, deren Wirksamkeit in wissenschaftlichen Studien nicht überprüft wurde 1 (Huemer et al., 2019) .
Neben einer solchen Überprüfung der Evidenz fehlt häufig sogar die theoriegeleitete Entwicklung dieser Programme, welche sich in ihrem Grundkonzept an der Entwicklung der Lese-, Rechtschreib- oder Rechenfähigkeit orientieren müssen 2 (Bender et al., 2017) . Ein weiterer Punkt ist der Symptombezug. Die Förderung sollte unbedingt symptomorientiert erfolgen 3 (Bendert et al., 2017; Galuschka et al., 2014) . Gemeint ist, dass beispielsweise die Rechtschreibleistung nur durch adäquate Übungen zur Rechtschreibfähigkeit – und deren Vorläuferfähigkeiten, z.B. der phonologischen Bewusstheit – selbst gefördert werden kann, nicht aber durch den Einsatz von z.B. gefärbter Augenlinsen, visueller Trainings oder gar mathematischer Inhalte! 4 (Galuschka et al., 2014, Huemer et al., 2019) . So heißt es auch in der S3-Leitlinie: „Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und / oder Rechtschreibstörung soll an den Symptomen der Lese- und / oder Rechtschreibstörung ansetzen“ (S. 34).

Um die richtige Auswahl eines Förderprogramms treffen zu können, müssen weiterhin genaue Informationen über die Lernausgangslage des Kindes vorliegen. Wo steht es im Erwerb der Schriftsprache oder der Rechenfähigkeit? Gibt es noch Schwierigkeiten mit den Vorläuferfähigkeiten? Welche der Teilkomponenten des Lesens sind betroffen – gibt es Defizite im Bereich der basalen Lesefähigkeiten oder ist das sinnentnehmende Lesen noch schwierig? Der Auswahl eines geeigneten Förderprogramms geht somit stets eine sorgfältige und individuelle Förderdiagnostik voran. Die so gewonnenen Erkenntnisse über die noch nicht gesicherten Fähigkeiten des Kindes sind damit maßgeblich. Der Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie e.V. (2026) empfiehlt: „Die Förderung sollte also an der Lernausgangslage des Kindes ansetzen, kleinschrittig gestaltet und dabei den Grundsatz „vom Einfachen zum Schweren“ berücksichtigen“ (S.15).
Die S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung“ wird aktuell überarbeitet. Zeitnah soll die neue Version erscheinen und aktualisierte Informationen für einheitliche und wissenschaftlich abgesicherte Standards für die Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörungen enthalten. Die S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung“ wird ebenfalls aktuell überarbeitet.
Da die Berufsbezeichnung „Lerntherapeut*In“ noch nicht geschützt ist, sollte bei der Auswahl einer lerntherapeutischen Fachkraft stets ihre solide wissenschaftlich orientierte Qualifikation maßgeblich sein. Dies bieten die Zertifizierungen der Fachkräfte nach FiL (Fachverband für Integrative Lerntherapie e.V.) und BVL (Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie e.V.).
Literatur:
https://www.bvl-legasthenie.de/images/static/pdfs/Leitlinien/LF_Leitlinie.pdf
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-046
Bender, F., Brandelik, K., Jeske, K., Lipka, M., Löffler, C., Mannhaupt, G., Naumann, C.L., Nolte, M., Ricken, G., Rosin, H., Scheerer-Neumann, G., von Aster, M. & von Orloff, M. (2017). Die integrative Lerntherapie: Therapieform zur Behandlung von Lernstörungen. Lernen und Lernstörungen, 6(2), 65–73. https://doi.org/10.1024/2235-0977/a000167
Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie e.V. (2026). Legasthenie und Dyskalkulie – Ratgeber für Eltern, Lehrkräfte und Interessierte in NRW. Bonn: BVL.
Galuschka, K., Ise, E., Krick, K., & Schulte-Körne, G. (2014). Effectiveness of Treatment Approaches for Children and Adolescents with Reading Disabilities: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. PLoS ONE, 9(2), e89900. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0089900
Huemer, S.M., Pointner, A., Schöfl, M. & Landerl, K. (2019). Evidenzbasierte LRS-Förderung. Bericht über die wissenschaftlich überprüfte Wirksamkeit von Programmen und Komponenten, die in der LRS-Förderung zum Einsatz kommen. Wien: Bundeministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung.
